

Soviel ich weiß, können sich einzig Menschen Gedanken über die Zukunft machen. Natürlich: der vertraute Hund wedelt mit dem Schwanz, sobald er sieht, dass sich sein Herrchen für den Spaziergang bereit macht. Aber kann er (wenn wir die Grenzen ganz weit ziehen) über Generationengrenzen hinweg denken?
Es gehört zum Erfahrungsschatz der Kinder, Ereignisse ganz besonders freudig zu erwarten. Noch drei, zwei, eine Woche bis Weihnachten! Am Weihnachtsabend gab es bei uns zuhause ein kleines Ritual: Die Kinder hatten in einem Zimmer zu warten. Der Vater zündete alle Kerzen an. Wir Kinder lauschten, bis wir den feinen Glockenklang hörten, dann wurde das Licht auch im Zimmer gelöscht und wir durften in die von Kerzenschein erhellte ‘gute Stube’ treten. Die Sehnsüchte sind ans Ziel gekommen.
Advent heißt in deutscher Sprache Erscheinung, Kommen. Für Christen ist es klar: Er – Jesus – kommt, als Licht mitten in die Dunkelheit. Es ist darum nicht zufällig, dass dieses Datum – seit dem 4. Jahrhundert belegt – so nahe am kürzesten Tag, an der Wintersonnenwende, liegt.
Was die Zeitform betrifft (er kam, er kommt, er wird kommen), ist die Sache allerdings nicht so einfach. Wir feiern zu Weihnachten nicht, dass Jesus kommen wird, sondern dass er gekommen ist. Und doch hat die Weihnacht sehr viel mit Gegenwart und Zukunft zu tun. Gott tritt Mose, einer der prägenden Gestalten des Alten Testaments, in der Wüste entgegen. Er spricht mit ihm aus einem brennenden, aber nicht verbrennenden Dornbusch. Am Ende des Gesprächs fragt Mose Gott: Die anderen Menschen werden mich fragen: »Wie heißt der Gott, dem du begegnet bist?« Gott antwortet: »Ich bin der ‘Ich-bin-da’.«1 Präziser wäre die folgende Übersetzung ‘Ich-bin-der-Ich-bin-da’. Und Martin Buber, ein jüdischer Religionsphilosoph und großartiger Übersetzer, spricht von Gott als dem ‘Ich-bin-wo-du-bist’.
Was mich fasziniert, ist das Zusammenfallen von Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft. Gott wird – wenn wir es denn zulassen – bei uns sein, gestern, heute und morgen. Ohne Einschränkung – wenn wir ihn dazu einladen. Die Einladung von seiner Seite, unser steter Begleiter, unser ‘Ich-bin-wo-du-bist’ zu werden, gilt. Man kann deshalb Advent auch ganz anders deuten, als wir dies gewohnt sind. Statt ‘Er kommt’ kann es heißen: ‘Er wartet.’ Und Sie und ich? Wir gehören dann zu den ‘Er-Warteten’.
Wir können schildern, was es bedeutet, mit dem ‘Ich-bin-wo-du-bist’ unterwegs zu sein. Aber es bleiben Schilderungen aus zweiter Hand. Nein, dies ist eine Sache, die ich selber, höchstpersönlich, angehen muss. Ich kann weder Stellvertreter noch Ersatzleute delegieren. Gott will mit mir wie auch mit Ihnen, persönlich unterwegs sein. Die IVCG kann im besten Fall Wegweiser und Wegbegleiter sein. Das ist sie gerne! Diese Zeitschrift, Veranstaltungen in vielfältiger Form, spezielle ImPuls-Tage oder ImPuls-Wochenenden: Alles ist auf dieses Ziel ausgerichtet.
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1 2. Mose (Exodus), Kapitel 3, Satz 14; Einheitsübersetzung